Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen, bevor es zu spät ist! (III)
Eva Herman
Alte Eltern – oftmals ist das Verhältnis zwischen ihnen und ihren erwachsenen Kindern nicht gut. Ihnen fehlt die Zuwendung der Jungen, ihre Zeit, ihre Liebe. Doch nicht nur die alten Menschen leiden unter einer solchen Situation. Auch für die Jungen ist es nicht einfach. Häufig würden sie gerne liebevoller sein zu Mutter und Vater, doch – es ist nicht möglich. Innere Barrieren halten sie zurück. Die Überwindung, einen Elternteil in die Arme zu nehmen, scheint zu groß! Wie entrinnt man diesem Dilemma? Was kann man tun, um Frieden zu schließen, bevor es zu spät ist? Teil III.
Die Macht der Liebe zu meiner Mutter siegte eines lieben, schönen Tages, als ich schon lange nicht mehr darauf zu hoffen gewagt hatte. Nach zahlreichen Versuchen, die ich stets aufs Neue unternommen hatte, um mich zu bessern, nach Tausenden von Gebeten, in denen ich Hilfe erfleht hatte, weil ich es allein nicht schaffte, kam dieser eine Spätnachmittag im Herbst, an dem Mama neben mir im Auto saß. Sie war einige Zeit bei uns zu Besuch gewesen und nun brachte ich sie wieder zurück nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits erkrankt, wie schwer, ahnte damals niemand von uns. In den zurückliegenden Tagen war ich wieder einen Schritt weiter gekommen. Ich war geduldiger und versöhnlicher Mama gegenüber geworden. Auch wenn mein Ziel noch längst nicht erreicht war.
Es war eine Autofahrt in milder Ruhe, warme Strahlen der untergehenden Septemberabendsonne tauchten die Landschaft in goldenes Licht. Mama hatte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht, ich lenkte den Wagen und erzählte ihr etwas. Als ich nach einer Weile keine Antwort erhielt, sah ich mit einem Seitenblick, dass sie eingeschlafen war. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken, sie bot ein Bild des unendlichen Friedens. Ihre abgearbeiteten Hände lagen ineinander gefaltet in ihrem Schoß, müde und welk zwar, doch weich wie immer. Meiner Mutter Hände, die ich doch so gut wie niemand anderer kannte. Wie oft hatte ich sie betrachtet und in jüngster Vergangenheit festgestellt, dass meine Hände ihnen ähnlicher geworden waren. Früher hätte mich das sicher gestört, doch überraschenderweise empfand ich es nun als Auszeichnung. Während mir die Tränen langsam die Wangen herab liefen, fragte ich mich: Wie oft hatten diese Hände wohl schon über meinen Kopf gestrichen? Und wie warm und wohltuend fühlte es sich jedes Mal an … Vertraute Bilder stiegen in mir hoch, in denen die Hände meiner Mutter zu sehen waren, während sie ihre Arbeit verrichteten, unermüdlich, Tag für Tag. Ich sah Mama kochen, putzen, stricken, schreiben, und immer wieder streichelten ihre Hände zwischendurch liebevoll unsere Kinderschöpfe, nahmen uns an der Hand, führten uns in Trost und Treue in unser Leben.
Mama, meine Mama. Eine aufwallende, nie zuvor gekannte Empfindung von Liebe übermannte mich wie eine mächtige Woge. Ohne es zu wollen, schluchzte ich laut, denn tiefe Bestürzung und Versäumnisängste überkamen mich jetzt auf einmal, Panik, zu viel falsch gemacht zu haben. Es durchbohrte meine Seele bis auf den tiefsten Grund. In diesem Moment wurde mir die endlose, jahrelange Geduld meiner Mutter mit mir, ihre Selbst- und gleichzeitige Hilflosigkeit, mit der sie meinen Launen über lange Jahre ausgesetzt war, doch die sie stets still ertragen hatte, vor Augen geführt. Ich erkannte sie als meine mich durch und durch liebende Mutter. Und weil ich einige Jahre zuvor selbst durch die Geburt meines Sohnes zur Mutter geworden war, die ohne zu Zögern alles Menschenmögliche aufbringen würde, um meinem Kind Schutz und Halt geben zu können, so erkannte ich durch meine eigenen mütterlichen Aufgaben jetzt Mamas Gefühle zu mir, die ja nicht anders waren und die an Bedingungslosigkeit alles übertrafen, was Menschen je füreinander leisten können. Plötzlich wurde mir die Notwendigkeit der inneren Veränderung durch die Geburt von Kindern deutlich, eine Schöpfergabe, ein weises Geschenk, welches eine Mutter, wenn es naturgemäß und gut läuft, wegzuführen vermag von eigener Selbstsucht und Eitelkeit und hinleiten will zur dienenden Liebe, zu Opferbereitschaft und zu Selbstlosigkeit, um der Kinder willen, um der Liebe willen. Dieses Gebot mit all seinen hunderttausendfachen Facetten und Nuancen der täglichen, ständig wechselnden Veränderungen des Lebens stand jetzt im strahlenden Lichte der Wahrheit vor mir.
Ich lernte dadurch, dass der Wunsch, sich zu verändern, durch dauerhafte Bewusstmachung und fortwährende Selbstbeobachtung schnell und direkt erreicht werden kann. Vorausgesetzt, man bleibt am Ball. Wer morgens schon mit dem Vorsatz aufsteht: Heute schaffst Du wieder ein kleines Stück …, der gewöhnt sich an neue Verhaltensweisen und wird mit der Zeit besser. Was am Anfang anstrengt, wird im Laufe der Zeit immer einfacher. Was bewusst bedacht und geplant wird, geht irgendwann in Fleisch und Blut über, so wie das Lernen des Autofahrens. Während man in der Fahrschule noch jedes Mal überlegen muss, in welchen Gang man als Nächstes zu schalten hat, wird dieser Vorgang nach kurzer Übung zur selbstverständlichen Handlung, ohne dass man auch noch einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden braucht.
Meine neue Erkenntnis lautete: Der Mensch kann lernen, gut zu werden, wenn er niemals aufhört, darum zu kämpfen. Der Wille ist der wichtigste Partner dabei. Auch meine Bemühungen hatten erste, wunderschöne Früchte getragen, über die ich sehr glücklich war, auch wenn ich noch längst nicht am Ziel war, nur weil ich Mama einmal über den Rücken gestreichelt hatte.
Mit diesem einen einzigen Blick auf meiner schlafenden Mutter Hände während jener Autofahrt kam der lang ersehnte Moment, in welchem die Türe zu meinem Herzen machtvoll aufgestoßen, wo alles Zehrende und Böse mit einem Schlag hinausgefegt wurde und wo mir endlich innere Harmonie zuteilwerden durfte. Meine Brust begann sich fortan mit wohltuender Wärme und mit tiefem Frieden zu füllen und mein aufgewühltes Gemüt kam allmählich zur Ruhe. Immer wieder danke ich noch heute dem Himmel für diesen so wichtigen Moment des Liebesaufbruchs.
Auf diese Weise wurde das Band zwischen Mama und mir wenige Jahre vor ihrem Tod wieder zusammengezogen, so wie ganz am Anfang, und wie ich es niemals mehr zu hoffen gewagt hatte. Welches Glück dies bedeutete, fällt mir schwer zu beschreiben. Denn fast wäre es zu spät gewesen. Erst heute, wenige Jahre nach ihrem Tod, begreife ich, welche Frist ich beinahe versäumt hätte. Doch so wurden uns noch einige Jahre des Friedens und der tiefen Liebe geschenkt, nachdem wir uns beinahe für immer verloren hätten.
Wir alle müssen innerlich gesunden, um den Sinn unseres Lebens besser erfassen und erfüllen zu können. Denn wenn die Kindheit auch noch so schwer und hart war, unsere Aufgabe ist es, dies zu erkennen und dann an den Folgen zu arbeiten, um daran und dadurch besser zu werden. Noch wichtiger ist es, Schuldzuweisungen, egal, wem sie gebühren, nach aufgedeckten Vorgängen zu unterlassen und – im Gegenteil – zu vergeben und zu verzeihen lernen. Das ist die Formel. Denn wenn uns die Vergangenheit auch nicht erlaubt hat, bis heute frei und glücklich zu werden, so müssen wir ab jenem Augenblick des Erkennens alles daran setzen, um den inneren Frieden und unser ersehntes Glück schließlich doch zu erreichen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – dieser Satz kann auf diesem Weg eine große Hilfe sein.
Es ist übrigens ebenso mehr als wünschenswert, dass die alten Eltern sich mit den Anwürfen ihrer erwachsenen Kinder auseinandersetzen und sich um Verstehen bemühen. Dies ist ein wichtiger Schritt für ein mögliches Zueinanderfinden. Was tun nun aber jene, deren Eltern als Ansprechpartner nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie schon verstorben sind? Auch mit den Heimgegangenen kann man sprechen. Dafür ist es günstig, sich eine Weile Zeit zu nehmen, eine Kerze anzuzünden und sich das Herz auszuschütten. Man tritt in Zwiesprache mit der Mutter oder dem Vater. Wichtig ist es, sich die Sache von der Seele zu reden, die Dinge auszusprechen. Auch wenn die Gefühle durchbrechen, wenn man weint oder verzweifelt, ja, wütend und schmerzvoll dabei schreien mag, das Allerwichtigste ist und bleibt die Liebe, die uns bei diesem Vorgang als Ziel nicht verlassen darf, Liebe und Vergebung.
Auch wenn manche Eltern nicht die Kraft und die Größe besitzen, ihren Kindern gegenüber eigene Fehler einzugestehen, so darf man nicht aufgeben. Wer vor diesem Problem steht, darf nicht kapitulieren. So manches alte Herz wurde noch in betagtem Alter weich und friedfertig, vor allem dann, wenn die Kinder an ihrem Ziel der Versöhnung kontinuierlich festhielten. Je mehr man hier an Kraft und Hoffnung investieren muss, je anstrengender der Prozess verläuft, umso selbstbewusster und stärker kann später die eigene Persönlichkeit daraus hervorgehen und erstarken. Niemals aufgeben! Immer wieder vergeben können! Vergebung macht stark! Viele Menschen erhalten hierdurch gewaltige Schwingen, die sie in höhere Ebenen tragen. Mit diesen Erkenntnissen können wir bessere Menschen werden. Wer vergibt und liebt, kann sich selbst lieben. Eine machtvolle Lebensgrundlage, die Frieden stiftet!
Abschied
»Ich sitze an Deinem Bett und beginne, Dein Lieblingslied zu summen: Dona nobis pacem, gib uns Frieden. So vieles wird deutlich, erst jetzt, erst jetzt, oh, Du liebe, lange Zeit. Wie fahrlässig gehen wir Menschenkinder oft mit der Liebe unserer Mütter um. Jahrelang ist alles, was Du gegeben, selbstverständlich gewesen. Ich nahm es, ohne zu fragen, oft auch, ohne zurückzugeben. Nun schäme ich mich wieder, und ich sage es Dir noch einmal, Mama. Und bitte Dich unter heißen Tränen um Verzeihung. Bitte, bitte vergib mir!
Ich singe alleine, denn die zweite Stimme, wie Du sie immer sangest, setzt jetzt nicht mehr ein, an keiner Stelle. Du bleibst stumm, Mama. Doch ist das nun auch nicht wichtig. Denn ich singe ja alleine für Dich, liebe Mami, für Deinen Frieden, und für den unseren. Denn wir haben ihn wieder gefunden. Endlich! Es ist ein Strahlen und ein wärmendes Gefühl tief in meiner Brust, welches mein Herz durchströmt und es weit, weit öffnet. Alleine Du bist jetzt darin, meine Mutter, aufs Tiefste mit mir, Deinem Kind, verbunden. Welch ein Glück, welch ein großes Liebesgeschenk.
Ich spreche nicht mehr, ich singe nicht mehr, ich warte. Mit Dir gemeinsam. Auf Dein irdisches Ende. Die Literatur ist voll mit klassischen Todeskämpfen, in denen das ganze Leid der Erde zusammengeballt noch einmal auf eine Menschenseele niederdrückt und sie unten hält. Und Du? Leicht wie ein Engel liegst Du in Deinem Bett, deine schönen Hände liegen weich und gelöst auf der weißen Decke, in völliger Seelenruhe gibst Du Dich dem Unvermeidlichen hin, längst ohne Angst und Furcht gegenüber dem Unbekannten.
Die Kraft der Liebe ist und bleibt der größte Antrieb des Menschen, um die allerhöchsten Ziele erreichen zu können! Ich lege mich auf das Sofa, welches weiter hinten im Zimmer steht. Möchte Dich nicht stören. Es geht los. Es geht schnell. Nur wenige Minuten. Meine Augen sind geschlossen, ich bete. Mutter, Mama, auf Wiedersehen. Ich liebe Dich unendlich. Wir sehen uns wieder, bald einmal. Ich werde Dir ewig dankbar sein für alles, besonders für Deine Liebe. Mama, komm, wir laufen ganz weit hoch, dorthin, wo die Engel auf Dich warten. Und wie wir lachen, himmlische Freude ist in uns und Du, ach Mama, wie bist du wunderschön, so leicht wie ein Schmetterling. Flieg fort, Mama, ganz weit nach oben, auf Wiedersehen, Mama, auf Wiedersehen und bis ganz bald … Meine allerliebste Mama!«
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