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Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen

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Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen

Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen, bevor es zu spät ist! (III)
Eva Herman

Alte Eltern – oftmals ist das Verhältnis zwischen ihnen und ihren erwachsenen Kindern nicht gut. Ihnen fehlt die Zuwendung der Jungen, ihre Zeit, ihre Liebe. Doch nicht nur die alten Menschen leiden unter einer solchen Situation. Auch für die Jungen ist es nicht einfach. Häufig würden sie gerne liebevoller sein zu Mutter und Vater, doch – es ist nicht möglich. Innere Barrieren halten sie zurück. Die Überwindung, einen Elternteil in die Arme zu nehmen, scheint zu groß! Wie entrinnt man diesem Dilemma? Was kann man tun, um Frieden zu schließen, bevor es zu spät ist? Teil III.

Die Macht der Liebe zu meiner Mutter siegte eines lieben, schönen Tages, als ich schon lange nicht mehr darauf zu hoffen gewagt hatte. Nach zahlreichen Versuchen, die ich stets aufs Neue unternommen hatte, um mich zu bessern, nach Tausenden von Gebeten, in denen ich Hilfe erfleht hatte, weil ich es allein nicht schaffte, kam dieser eine Spätnachmittag im Herbst, an dem Mama neben mir im Auto saß. Sie war einige Zeit bei uns zu Besuch gewesen und nun brachte ich sie wieder zurück nach Hause. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits erkrankt, wie schwer, ahnte damals niemand von uns. In den zurückliegenden Tagen war ich wieder einen Schritt weiter gekommen. Ich war geduldiger und versöhnlicher Mama gegenüber geworden. Auch wenn mein Ziel noch längst nicht erreicht war.

Es war eine Autofahrt in milder Ruhe, warme Strahlen der untergehenden Septemberabendsonne tauchten die Landschaft in goldenes Licht. Mama hatte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht, ich lenkte den Wagen und erzählte ihr etwas. Als ich nach einer Weile keine Antwort erhielt, sah ich mit einem Seitenblick, dass sie eingeschlafen war. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken, sie bot ein Bild des unendlichen Friedens. Ihre abgearbeiteten Hände lagen ineinander gefaltet in ihrem Schoß, müde und welk zwar, doch weich wie immer. Meiner Mutter Hände, die ich doch so gut wie niemand anderer kannte. Wie oft hatte ich sie betrachtet und in jüngster Vergangenheit festgestellt, dass meine Hände ihnen ähnlicher geworden waren. Früher hätte mich das sicher gestört, doch überraschenderweise empfand ich es nun als Auszeichnung. Während mir die Tränen langsam die Wangen herab liefen, fragte ich mich: Wie oft hatten diese Hände wohl schon über meinen Kopf gestrichen? Und wie warm und wohltuend fühlte es sich jedes Mal an … Vertraute Bilder stiegen in mir hoch, in denen die Hände meiner Mutter zu sehen waren, während sie ihre Arbeit verrichteten, unermüdlich, Tag für Tag. Ich sah Mama kochen, putzen, stricken, schreiben, und immer wieder streichelten ihre Hände zwischendurch liebevoll unsere Kinderschöpfe, nahmen uns an der Hand, führten uns in Trost und Treue in unser Leben.

Mama, meine Mama. Eine aufwallende, nie zuvor gekannte Empfindung von Liebe übermannte mich wie eine mächtige Woge. Ohne es zu wollen, schluchzte ich laut, denn tiefe Bestürzung und Versäumnisängste überkamen mich jetzt auf einmal, Panik, zu viel falsch gemacht zu haben. Es durchbohrte meine Seele bis auf den tiefsten Grund. In diesem Moment wurde mir die endlose, jahrelange Geduld meiner Mutter mit mir, ihre Selbst- und gleichzeitige Hilflosigkeit, mit der sie meinen Launen über lange Jahre ausgesetzt war, doch die sie stets still ertragen hatte, vor Augen geführt. Ich erkannte sie als meine mich durch und durch liebende Mutter. Und weil ich einige Jahre zuvor selbst durch die Geburt meines Sohnes zur Mutter geworden war, die ohne zu Zögern alles Menschenmögliche aufbringen würde, um meinem Kind Schutz und Halt geben zu können, so erkannte ich durch meine eigenen mütterlichen Aufgaben jetzt Mamas Gefühle zu mir, die ja nicht anders waren und die an Bedingungslosigkeit alles übertrafen, was Menschen je füreinander leisten können. Plötzlich wurde mir die Notwendigkeit der inneren Veränderung durch die Geburt von Kindern deutlich, eine Schöpfergabe, ein weises Geschenk, welches eine Mutter, wenn es naturgemäß und gut läuft, wegzuführen vermag von eigener Selbstsucht und Eitelkeit und hinleiten will zur dienenden Liebe, zu Opferbereitschaft und zu Selbstlosigkeit, um der Kinder willen, um der Liebe willen. Dieses Gebot mit all seinen hunderttausendfachen Facetten und Nuancen der täglichen, ständig wechselnden Veränderungen des Lebens stand jetzt im strahlenden Lichte der Wahrheit vor mir.

Ich lernte dadurch, dass der Wunsch, sich zu verändern, durch dauerhafte Bewusstmachung und fortwährende Selbstbeobachtung schnell und direkt erreicht werden kann. Vorausgesetzt, man bleibt am Ball. Wer morgens schon mit dem Vorsatz aufsteht: Heute schaffst Du wieder ein kleines Stück …, der gewöhnt sich an neue Verhaltensweisen und wird mit der Zeit besser. Was am Anfang anstrengt, wird im Laufe der Zeit immer einfacher. Was bewusst bedacht und geplant wird, geht irgendwann in Fleisch und Blut über, so wie das Lernen des Autofahrens. Während man in der Fahrschule noch jedes Mal überlegen muss, in welchen Gang man als Nächstes zu schalten hat, wird dieser Vorgang nach kurzer Übung zur selbstverständlichen Handlung, ohne dass man auch noch einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden braucht.
Meine neue Erkenntnis lautete: Der Mensch kann lernen, gut zu werden, wenn er niemals aufhört, darum zu kämpfen. Der Wille ist der wichtigste Partner dabei. Auch meine Bemühungen hatten erste, wunderschöne Früchte getragen, über die ich sehr glücklich war, auch wenn ich noch längst nicht am Ziel war, nur weil ich Mama einmal über den Rücken gestreichelt hatte.
Mit diesem einen einzigen Blick auf meiner schlafenden Mutter Hände während jener Autofahrt kam der lang ersehnte Moment, in welchem die Türe zu meinem Herzen machtvoll aufgestoßen, wo alles Zehrende und Böse mit einem Schlag hinausgefegt wurde und wo mir endlich innere Harmonie zuteilwerden durfte. Meine Brust begann sich fortan mit wohltuender Wärme und mit tiefem Frieden zu füllen und mein aufgewühltes Gemüt kam allmählich zur Ruhe. Immer wieder danke ich noch heute dem Himmel für diesen so wichtigen Moment des Liebesaufbruchs.
Auf diese Weise wurde das Band zwischen Mama und mir wenige Jahre vor ihrem Tod wieder zusammengezogen, so wie ganz am Anfang, und wie ich es niemals mehr zu hoffen gewagt hatte. Welches Glück dies bedeutete, fällt mir schwer zu beschreiben. Denn fast wäre es zu spät gewesen. Erst heute, wenige Jahre nach ihrem Tod, begreife ich, welche Frist ich beinahe versäumt hätte. Doch so wurden uns noch einige Jahre des Friedens und der tiefen Liebe geschenkt, nachdem wir uns beinahe für immer verloren hätten.

Wir alle müssen innerlich gesunden, um den Sinn unseres Lebens besser erfassen und erfüllen zu können. Denn wenn die Kindheit auch noch so schwer und hart war, unsere Aufgabe ist es, dies zu erkennen und dann an den Folgen zu arbeiten, um daran und dadurch besser zu werden. Noch wichtiger ist es, Schuldzuweisungen, egal, wem sie gebühren, nach aufgedeckten Vorgängen zu unterlassen und – im Gegenteil – zu vergeben und zu verzeihen lernen. Das ist die Formel. Denn wenn uns die Vergangenheit auch nicht erlaubt hat, bis heute frei und glücklich zu werden, so müssen wir ab jenem Augenblick des Erkennens alles daran setzen, um den inneren Frieden und unser ersehntes Glück schließlich doch zu erreichen. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – dieser Satz kann auf diesem Weg eine große Hilfe sein.

Es ist übrigens ebenso mehr als wünschenswert, dass die alten Eltern sich mit den Anwürfen ihrer erwachsenen Kinder auseinandersetzen und sich um Verstehen bemühen. Dies ist ein wichtiger Schritt für ein mögliches Zueinanderfinden. Was tun nun aber jene, deren Eltern als Ansprechpartner nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie schon verstorben sind? Auch mit den Heimgegangenen kann man sprechen. Dafür ist es günstig, sich eine Weile Zeit zu nehmen, eine Kerze anzuzünden und sich das Herz auszuschütten. Man tritt in Zwiesprache mit der Mutter oder dem Vater. Wichtig ist es, sich die Sache von der Seele zu reden, die Dinge auszusprechen. Auch wenn die Gefühle durchbrechen, wenn man weint oder verzweifelt, ja, wütend und schmerzvoll dabei schreien mag, das Allerwichtigste ist und bleibt die Liebe, die uns bei diesem Vorgang als Ziel nicht verlassen darf, Liebe und Vergebung.
Auch wenn manche Eltern nicht die Kraft und die Größe besitzen, ihren Kindern gegenüber eigene Fehler einzugestehen, so darf man nicht aufgeben. Wer vor diesem Problem steht, darf nicht kapitulieren. So manches alte Herz wurde noch in betagtem Alter weich und friedfertig, vor allem dann, wenn die Kinder an ihrem Ziel der Versöhnung kontinuierlich festhielten. Je mehr man hier an Kraft und Hoffnung investieren muss, je anstrengender der Prozess verläuft, umso selbstbewusster und stärker kann später die eigene Persönlichkeit daraus hervorgehen und erstarken. Niemals aufgeben! Immer wieder vergeben können! Vergebung macht stark! Viele Menschen erhalten hierdurch gewaltige Schwingen, die sie in höhere Ebenen tragen. Mit diesen Erkenntnissen können wir bessere Menschen werden. Wer vergibt und liebt, kann sich selbst lieben. Eine machtvolle Lebensgrundlage, die Frieden stiftet!

Abschied

»Ich sitze an Deinem Bett und beginne, Dein Lieblingslied zu summen: Dona nobis pacem, gib uns Frieden. So vieles wird deutlich, erst jetzt, erst jetzt, oh, Du liebe, lange Zeit. Wie fahrlässig gehen wir Menschenkinder oft mit der Liebe unserer Mütter um. Jahrelang ist alles, was Du gegeben, selbstverständlich gewesen. Ich nahm es, ohne zu fragen, oft auch, ohne zurückzugeben. Nun schäme ich mich wieder, und ich sage es Dir noch einmal, Mama. Und bitte Dich unter heißen Tränen um Verzeihung. Bitte, bitte vergib mir!
Ich singe alleine, denn die zweite Stimme, wie Du sie immer sangest, setzt jetzt nicht mehr ein, an keiner Stelle. Du bleibst stumm, Mama. Doch ist das nun auch nicht wichtig. Denn ich singe ja alleine für Dich, liebe Mami, für Deinen Frieden, und für den unseren. Denn wir haben ihn wieder gefunden. Endlich! Es ist ein Strahlen und ein wärmendes Gefühl tief in meiner Brust, welches mein Herz durchströmt und es weit, weit öffnet. Alleine Du bist jetzt darin, meine Mutter, aufs Tiefste mit mir, Deinem Kind, verbunden. Welch ein Glück, welch ein großes Liebesgeschenk.
Ich spreche nicht mehr, ich singe nicht mehr, ich warte. Mit Dir gemeinsam. Auf Dein irdisches Ende. Die Literatur ist voll mit klassischen Todeskämpfen, in denen das ganze Leid der Erde zusammengeballt noch einmal auf eine Menschenseele niederdrückt und sie unten hält. Und Du? Leicht wie ein Engel liegst Du in Deinem Bett, deine schönen Hände liegen weich und gelöst auf der weißen Decke, in völliger Seelenruhe gibst Du Dich dem Unvermeidlichen hin, längst ohne Angst und Furcht gegenüber dem Unbekannten.
Die Kraft der Liebe ist und bleibt der größte Antrieb des Menschen, um die allerhöchsten Ziele erreichen zu können! Ich lege mich auf das Sofa, welches weiter hinten im Zimmer steht. Möchte Dich nicht stören. Es geht los. Es geht schnell. Nur wenige Minuten. Meine Augen sind geschlossen, ich bete. Mutter, Mama, auf Wiedersehen. Ich liebe Dich unendlich. Wir sehen uns wieder, bald einmal. Ich werde Dir ewig dankbar sein für alles, besonders für Deine Liebe. Mama, komm, wir laufen ganz weit hoch, dorthin, wo die Engel auf Dich warten. Und wie wir lachen, himmlische Freude ist in uns und Du, ach Mama, wie bist du wunderschön, so leicht wie ein Schmetterling. Flieg fort, Mama, ganz weit nach oben, auf Wiedersehen, Mama, auf Wiedersehen und bis ganz bald … Meine allerliebste Mama!«

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Re: Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen, bevor es zu

Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen, bevor es zu spät ist! (I)
Eva Herman

Herr Müller ist ein viel beschäftigter Mann. Er ist erfolgreich und hat wenig Zeit für Angelegenheiten außerhalb seines Berufes. Dann kommt der Schicksalsschlag: Seine Mutter stirbt unerwartet. Seine Mutter, mit der er doch noch so viel hatte besprechen wollen. Der er noch einiges erklären wollte. Die er schon so lange in ihre Lieblingskonditorei hatte einladen wollen, und es doch immer wieder verschieben musste. Bei der er sich noch zu entschuldigen hatte für einige dumme, dahin geworfene Worte. Seine Mutter, die er nicht immer gut behandelt hatte. Herr Müller ist bestürzt. Plötzlich begreift er, dass es zu spät ist! Zu spät für den ersehnten Frieden mit seiner Mutter. Trostlosigkeit macht sich in dem Sohn breit, Angst, etwas Entscheidendes versäumt zu haben. Herr Müller fällt in ein tiefes Loch …

Die Geschichte von Herrn Müller ist die Geschichte von Millionen Menschen. Sie ereignet sich jeden Tag Tausende Male auf der ganzen Welt. Sie zieht ihre Furchen durch die Herzen und Seelen der Menschen. Ihre Folgen sind nicht selten tragisch: Trauer, Wut auf sich selbst, Untröstlichkeit. Es kann Jahre dauern. Manche werden depressiv darüber. Viele befällt eine unerklärliche Trauer, die für immer bleibt. Frieden schließen, bevor es zu spät ist! Dies ist eine Aufforderung an alle, die einen ähnlichen Weg eingeschlagen haben, wie es Herr Müller mit seiner Mutter tat. Sei es die Mutter, sei es der Vater oder seien es andere wichtige Menschen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Menschen, den Frieden mit ihnen rechtzeitig zu finden. Und deswegen ist dieser Beitrag, abseits von den gewohnten journalistisch brisanten Themen der Kopp-Redaktion, so wichtig. Es ist egal, ob man Müller, Schmidt oder Herman heißt, es ist ebenso gleichgültig, wo und was man arbeitet. In dieser schnelllebigen Zeit, in der man vor lauter Hektik und Stress das Wichtigste häufig vergisst, ist es wichtiger denn je, das festzuhalten, was wirklich gilt im Leben: Die Liebe und den Respekt voreinander zu bewahren, auch gegenüber der eigenen Familie, vor allem jedoch den inzwischen alt gewordenen Eltern gegenüber, die man nicht selten vernachlässigt oder verletzt hat. Denn häufig trifft es einen unerwartet: Die alte Mutter oder der Vater sterben, ohne dass einem je noch die Möglichkeit eines Abschieds gegeben wurde.

Wer seine alt gewordene Mutter oder den Vater verliert, ohne vorher eventuelle Streitigkeiten oder gar Zerwürfnisse beigelegt zu haben, wer die Eltern ohne Versöhnung scheiden lässt, der trägt nicht selten nach dem Hinübergehen der Eltern auf verheerende Weise bis zum Ende des eigenen Lebens eine schwere Last mit sich, die mit den Jahren nicht leichter, sondern drückender werden kann. Frieden schließen, bevor es zu spät ist, das ist eine der wichtigsten Herausforderungen unserer heutigen, so schwierig gewordenen Zeit. Ich berichte hier über eigene Erfahrungen zwischen meiner inzwischen verstorbenen Mutter und mir, vielleicht stellvertretend für Millionen andere Menschen.
Meine Mutter starb im Februar 2008. Sie war gerade 70 Jahre alt geworden. Ich hatte fast eine Woche lang an ihrem Bett gesessen, das im Kreiskrankenhaus meiner kleinen Heimatstadt am Rande des Harzes stand, bis Mama diese Welt verließ. Die letzten Tage und Nächte ihres Lebens verbrachten wir zwei alleine in ihrem Sterbezimmer, in tiefer Ruhe, in großer Achtung und in unendlicher Liebe zueinander. Ich bin unermesslich dankbar dafür, dass uns diese innige Zeit zum Ende ihres Lebens zufällig geschenkt worden ist, denn unser Verhältnis war nicht immer das Beste gewesen. Heute erst, zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter, wächst meine Überzeugung, dass wir Menschen dringend aufeinander zugehen müssen, bevor es zu spät ist. Dafür sollten wir alles tun!

Unzählige kleine und große Herausforderungen, die Mama und ich im Laufe der zurückliegenden Jahre durchkämpften, waren aus heutiger Sicht dumme Irrtümer und vergleichsweise kleine Probleme. Die Missverständnisse, die daraus entstanden waren, wurden mit den Jahren allerdings zeitweise zu tiefen Klüften, die unüberwindbar zu werden schienen. Warum ließ ich es zu? Weil ich mir zu wenige Gedanken darüber machte. Alles andere schien mir viel wichtiger. Obwohl ich meine Mutter immer von Herzen liebte, hatten wir viele schwere Jahre hinter uns gebracht, Jahre des Unverständnisses, der Meinungsverschiedenheiten und des Schweigens, Jahre der Tränen und des Schmerzes. Viele Fehler und Versehen machten unsere Lebenswege holprig und schwer, für einige Zeit trennten sie uns gar, und wenngleich Mama auch – sicher ungewollt – zu Enttäuschungen in meiner Kindheit beigetragen hatte, wandte sie doch die restliche Zeit ihres Lebens mit zahllosen Versuchen auf, meine immer wieder aufkeimenden Vorwürfe zu besänftigen und mein aufbrausendes Temperament zu beruhigen.
Wir hatten das erlebt, was viele andere Kinder mit ihren Müttern durchmachen, und umgekehrt, was Mütter durch ihre Kinder erdulden müssen. Ich hatte im Laufe meiner Jugend, in den ersten Jahren des Erwachsenseins und auch später noch häufig, wie in einer Achterbahn, die unterschiedlichsten Empfindungen und Gefühle meiner Mutter gegenüber durchlebt, von tiefer Liebe über Schmerz, Wut, bis zu bohrender Angriffslust, die sich zuweilen bis an die Grenze der Unversöhnlichkeit steigern konnte.

Für alle Menschen und für jede verfahrene Beziehung gibt es Hoffnung. Davon bin ich heute mehr denn je fest überzeugt. Über diese Hoffnung, diese sehr berechtigte Hoffnung, gleichgültig, wie tief die seelischen Verletzungen auch sein mögen, möchte ich hier berichten. Die Konflikte und Probleme der Welt finden ihren Ursprung stets im einzelnen Menschen. Nur wenn wir nicht nur Verständnis fordern, sondern es großzügig zu geben lernen, nur wenn wir in uns selbst gesunden können und die Liebe dem Nächsten gegenüber zu geben lernen, dann kann auch diese Welt genesen. Der Weg dahin ist nicht ganz einfach, und er erfordert Fleiß und Ausdauer, vor allem aber ist das eine Ziel vor den Augen unabdingbar: Durchzuhalten, um Frieden mit den Menschen zu finden. Wer sich und seine Eitelkeiten bezwingen lernt und damit sich selbst überwindet, der findet sein Glück mit Sicherheit und wird auch zum Segen anderer Menschen beitragen. Dies gilt übrigens nicht allein für Eltern- Kind-Beziehungen, sondern für alle menschlichen Verbindungsformen. Die Formel lautet immer gleich: Liebe, Vergebung, Versöhnung …
Der Mechanismus der Entfremdung von meiner Mutter wirkte bei mir bereits recht früh, ohne dass ich genau zu sagen gewusst hätte, warum. Nachdem ich mein Elternhaus mit etwa 17 Jahren verlassen hatte, besuchte ich Mutter und Vater zwar regelmäßig zu Hause, doch fanden diese Besuche nicht sehr häufig statt. Kaum war ich da, ging es immer nur für eine kurze Zeit gut: Erst freute ich mich auf meine Mutter, kurz darauf jedoch stellte ich sie bereits unter meine persönliche, höchst »kritische« Beobachtung, um schnell immer wieder bei stets den gleichen, heimlichen Vorurteilen und Vorsätzen anzukommen: Dass ich nämlich niemals gewisse Angewohnheiten, die ich ihr gar als Schwächen auslegte, übernehmen und dass ich niemals in meinem Leben so werden wollte wie sie, wie meine Mutter. Dumme, naive Verhaltensweisen, die mir später noch leidtun sollten.

Wenn mich diese negativen Gedanken nicht mehr losließen, dieselbe Destruktivität sich immer wieder um mich herum drehte wie ein nicht zur Ruhe kommender Kreisel, wenn ich fast erschöpft geworden war über meine negativen Gedanken meiner Mutter gegenüber, dann störte mich zum Schluss die Fliege an der Wand und es kam, wie sollte es anders sein, zum Streit. Niemals hatte ich damals für einen einzigen Moment die Idee, meine zum Teil verächtlichen Gedanken einfach zu stoppen und in positive geistige Arbeit umzudrehen. Und es gab auch niemanden, der mich darauf aufmerksam gemacht und der mir dabei hätte helfen können. Heute muss ich mich fragen, ob ich mir überhaupt hätte helfen lassen wollen? Wenn es mir allerdings seinerzeit gelungen wäre, in die Zukunft zu schauen, so hätte ich mich wohl schnellstens darum bemüht, mit anderen Empfindungen auf meine Mutter zuzugehen. Doch das vermeintliche Recht der Jugend gegenüber ihren »unmodernen, spießigen« Eltern erlaubte mir damals vieles, was ich mir einfach zueigen machte. Aus heutiger Sicht handelte es sich um Lappalien, um dumme Eitelkeiten und um eine unzulässige Streitsucht, die meine Mutter sehr verletzt haben muss.

Streit macht nicht glücklich

Diese Reibereien machten mich alles andere als glücklich. Waren Mutter und ich wieder einmal im Unfrieden auseinandergegangen, so beschäftigte mich dies oft viele Tage lang mehr, als alle anderen Dinge. Immer waren es tiefe Gefühle, die mich unfroh machten, mich von der Arbeit und meinem übrigen Leben immer wieder ablenkten, die mich beschäftigten und steuerten. In dieser Verfassung wurde ich vor allem anderen Menschen gegenüber ungeduldiger und ungerechter, was mich zusätzlich ärgerte. Denn niemand konnte schließlich etwas für meinen privaten Ärger. Ein merkwürdiger Gefühlsspagat, tiefste innere Zerrissenheit über lange Zeiträume, die den kurzen Momenten der vermeintlich erleichternden Aussprache stets folgten. Immer klarer wurde es mir mit jedem Streit: Das musste anders werden, unbedingt, wir mussten wieder zueinanderfinden. Denn ich wollte meine Mutter nicht hassen, ich wollte sie nicht verlieren, eigentlich wollte ich sie nur lieben. Nur wie? Ich hatte mich Lichtjahre von ihr entfernt. Wie konnte ich den Weg zur ihr zurückfinden?

Lesen Sie morgen weiter.

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Der Tod der alten Eltern: Frieden schließen, bevor es zu spät ist! (II)
Eva Herman

Häufig können ältere Menschen nicht verstehen, dass ihre erwachsenen Kinder kaum noch Zeit für sie haben, dass sie sie selten besuchen und oftmals wenig Liebe zeigen. Viele der alten Leute sind traurig darüber. Ihre Kinder sind es meist auch, doch können sie kaum etwas daran ändern. Ein Phänomen der heutigen Zeit? Vielleicht. Schwierig wird es jedoch für die Kinder, wenn Mutter oder Vater unerwartet sterben, ohne dass man vorher sich noch versöhnliche Dinge gesagt hätte, die wichtig gewesen wären. Manchmal gehen die alten Menschen, ohne dass man vorher noch voneinander hätte Abschied nehmen können. Frieden schließen, bevor es zu spät ist! Teil II.

Mir schwante allmählich, dass ich selbst die Hauptarbeit zu leisten hatte, wenn ich das früher gute und liebevolle Verhältnis zu meiner Mutter wiedergewinnen wollte. Ich musste arbeiten, an mir und in mir. Ich musste Mama besser verstehen lernen, musste aufhören, nur meine Sicht der Dinge verstehen zu wollen. Ich musste mein Verhalten, ich musste mich ändern! Keine leichte Aufgabe. Um damit zu beginnen, um irgendwann an das ersehnte Ziel zu kommen, muss man allerdings wohl noch viel Unglück einstecken und durchleben, immer wieder, bis man es einfach nicht mehr erträgt. Ich begann meinen langen, anstrengenden Weg, der uns wieder zueinander führen sollte.

Auszüge aus meinen Notizen, die ich neben meiner sterbenden Mutter am Krankenbett niederschrieb:

»Nicht einmal einen einzigen Tag ist es her, als Du noch aufrecht in den Kissen gesessen. Du warst so fröhlich, als wäre jede Sorge um Dich unberechtigt. Heute aber liegst Du hier und bist ganz still. Hast Deine Augen zugemacht und sprichst nicht mehr. Nur Dein Atem ist zu hören.
Meine Mutter. Ich sehe Dich an und mein Herz ist voller Schmerz. Ich möchte Dich nicht verlieren, gerade jetzt nicht. Denn wir haben uns wiedergefunden. Vor wenigen Jahren geschah es endlich. Das, was ich mir so lange wünschte, kam fast über Nacht: Ich durfte mein Herz wieder öffnen. Für Dich, meine Mutter.
Es waren dumme Nichtigkeiten, die uns für einige Zeit trennten. Missverständnisse, Eitelkeiten, Einbildungen. Das meiste, was ich sagte, war unnützes Zeug.
Ich wollte nicht erkennen, dass Du alles getan, was in Deinen Kräften stand. Zu versessen war ich darauf, immer wieder aufs Neue abzurechnen. Oftmals ohne Rücksicht auf Dich und Deine liebende Mutterseele.
Drei kleine Kinder musstest Du großziehen, daneben galt es, Geld zu verdienen, das hieß für Dich: Hart zu arbeiten. Oft war einfach keine Zeit für uns. Andere Leute betreuten uns dann, für Dich war es ein Segen, dass sie es taten. Für uns nicht. Wir wollten nur Dich.«

Mama. Sie durchlebte mit uns, mit ihren Kindern, vor vielen Jahren das, was Millionen Familien heutzutage ebenso erleiden: Jene Bindung, die sich in den ersten Lebensjahren von der Mutter zu ihren Kindern und umgekehrt manifestieren sollte, kam durch dumme, unvorhersehbare Konstellationen nicht in jener Stärke und Intensität zustande, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. Niemand nahm es damals ernst oder maß dem große Bedeutung bei – die Lebensumstände gaben nun einmal nicht mehr her. Man war schon froh, dass man irgendwie durchkam.
Kleine Kinder fragen jedoch nicht danach, was ihren Müttern gerade möglich ist oder nicht, auch finanzielle Notstände können sie nicht verstehen, denn ihre natürlichen Bedürfnisse nach Liebe und Zuwendung, nach Zärtlichkeit und Trost durch ihre Mama lassen sie die mütterlichen Zuwendungen wie selbstverständlich erwarten. Diese Bedürfnisse aller kleinen Kinder in dieser Welt sind so normal und natürlich wie die Sonne und der Mond, und so wie wir Menschen ohne das Licht nicht leben könnten, so gelingt es den Kleinen nur sehr schwer, sich ohne die ausreichende Liebe ihrer Mutter wirklich günstig und voller Urvertrauen ins Leben zu entwickeln.
Die zeitlich begründete mangelnde Zuwendung Mamas hatte ungewollte Auswirkungen auf unseren weiteren Weg, vor allem auch auf unser Verhältnis zu ihr selbst, als wir, ihre Kinder, längst erwachsen geworden waren. So ist das nun einmal mit dem Gesetz der Saat und Ernte: Ob vorsätzlich oder absichtslos, ob unwissend oder nicht, die Samen, die man in die Erde senkt, bringen, entsprechend ihrer Beschaffenheit, die späteren Früchte hervor. Wer Hafer sät, kann nicht Weizen ernten. Wer, aus welchen Gründen auch immer, nicht genügend Zeit für seine kleinen Kinder hat und damit keine naturgemäße, feste Verbindung zu ihnen herstellen kann, darf nicht erwarten, dass die kindliche Liebe sich dennoch automatisch zu ihnen in jener Intensität entwickeln werde, wie sie wünschenswert wäre. Wie heißt es so richtig im Volksmund? Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Die Wissenschaftler nennen es Prägung, und gerade die ersten Lebensjahre des Menschen sind als eine sichere Grundlage nicht nur alleine für das geistige und intuitive Wissen später eine wichtige Zeit.
Die kleinen und größeren Entsagungen in unserer Kindheit nehmen Einfluss auf spätere Partnerschaften und Menschenverbindungen, auf unser ganzes Verhalten: Sie prägen uns! Doch wer weiß davon schon so genau, wenn er sich mitten in jenem verhängnisvollen Prozess befindet? Und welche Mutter, die aus guten Gründen Geld verdienen gehen muss, ahnt, welchen über Jahre dauernden Schmerz sie dem Kind durch ihre Abwesenheit ungewollt vielleicht zufügt? So nah, und doch so fern war Mama damals gewesen, empfand ich oft. Allein durch ein zustimmendes Lächeln, ein zärtliches Streicheln über mein Haar hätte sie alles Leid, das öfter in mir aufkam, beseitigen können, um mir damit gleichzeitig sofort Sicherheit, Vertrauen und Liebe zu spenden. Seltene, doch häufig ersehnte Momente.
Das Band der Verbindung zu Mama wurde mit den Jahren löchrig, hielt so manche Belastung nicht mehr aus. Ich nabelte mich ab, ein Prozess, der zwar wichtig war, doch der nun überhaupt nicht mehr aufhören wollte. Mit Anfang 20 las ich Bücher von psychologischen Koryphäen. Und immer deutlicher wurde mir, dass ich unter dem Muttermangel mehr gelitten hatte, als ich es mir wünschen konnte. Unmut begann, sich in mir auszubreiten. Jetzt kritisierte ich meine Mutter, wo ich nur konnte. Nichts, was sie tat, war mir mehr recht. Wie hielt sie es nur aus? Heute frage ich mich das immer wieder. Welche Kraft war es, die sie all die Vorwürfe tapfer erdulden ließ? Neben meiner Wut bewunderte ich sie. Und ich wusste, dass auch ich diese Stärke eines Tages erobern wollte, um sie auch an meine Kinder weitergeben zu können. War es die berühmte Mutterliebe?

Der Weg zueinander, der erste Schritt

Viertes Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Aber wie? Ich entfernte mich von meiner Mutter, fortlaufend, und durch die ewigen Vorwürfe, die ich ihr machte, zerschnitt ich das dünne, unsichere Band nahezu gänzlich. Natürlich waren einige meiner Vorhaltungen auch berechtigt, jedenfalls aus meiner Sicht. Doch wurden sie durch die ständigen Wiederholungen nicht besser. Zahlreiche Begegnungen zwischen Mutter und Tochter endeten immer gleich: »Immer dann, wenn ich Dich brauchte, warst Du nicht da. Du hast uns unserem Schicksal überlassen, ohne über die Folgen nachzudenken.« Mutter entgegnete: »Ich habe getan, was die Situation erforderte. Meine eigenen Kindheitserlebnisse während des Krieges hatten noch eine ganz andere Qualität. Dagegen hattet ihr es doch noch gut!« Ihre Kindheit interessierte mich jedoch wenig, damals jedenfalls. Viel zu weit weg lag diese Zeit für mich. Mama fühlte sich von uns unverstanden, wir Kinder umgekehrt ebenso. Wenn wir bei Familienfesten Zeit für ein gemeinsames Gespräch hatten, endete es meist gleich: Mutter war der Vorwürfe müde, und wir ließen nicht locker. Warum nicht? Damals wussten wir es nicht, heute schon. Wir warteten auf einen wichtigen Moment in einem solchen Prozess, der uns enorm hätte weiterhelfen können. Der Moment, in dem Mama unsere Sorgen verstanden und dies auch signalisiert hätte.
Um aufeinander zugehen zu können, ist Empathie, das Sich-in-den-anderen-hineinversetzen-können, also Verständnis, erforderlich. Während wir, die Kinder, noch längst nicht in der Lage dazu zu sein schienen, tat meine Mutter den ersten Schritt. Endlich, eines Tages, als niemand von uns etwas erwartet hätte, sagte sie: »Ja, Kinder, ich habe mich damals zwar ohne bösen Vorsatz so verhalten, aber heute kann ich verstehen, welche Wirkung diese häufigen Trennungen auf euch hatte.« Mama sagte es einfach und weinte dabei. Wir Kinder auch. Wir ahnten nicht, dass der Moment gekommen war, den Weg zu ihr zurückzufinden, und der uns die Tür unserer Herzen einen Spaltbreit für sie zu öffnen half.

Wege der inneren Entwicklung

Ich ahnte, dass ich ihn gehen musste, diesen Weg. Unbewusst, unbedingt. Und mir war klar, dass ich eines Tages auf meine Mutter zugehen und sie wieder in den Arm nehmen wollte, voller Liebe und mit einem warmen, weit geöffneten Herzen. Ich wusste es deswegen, weil ich es mir so sehr wünschte. Und so begann ich, an meinem Verhalten zu arbeiten. Ich besuchte meine Mutter wieder häufiger, rief sie öfter an. Sie war glücklich. Doch so einfach war die Sache nicht. Immer wenn ich vor ihr stand, erhoben sich die alten Gespenster der Vorwürfe erneut und stellten sich wieder zwischen uns. Nun hasste ich diese unsichtbaren Erscheinungen, die mehr Macht über mich hatten, als ich es je hätte erlauben dürfen. Wenn ich mich auf der Fahrt zu Mama befand, redete ich mir laut Mut und Kraft zu: »Heute gehst du auf sie zu und nimmst sie in die Arme.«
Ja, dies war mir tatsächlich über viele Jahre nämlich nicht mehr gelungen. Doch der Vorsatz allein reichte nicht aus. So manches Mal saß ich auf der Rückfahrt am Steuer und heulte – über mich, über meine Feigheit, meine Gefühlsarmut, ja, über meine Kälte. Weil ich abgereist war, ohne Mama ein Fünkchen Liebe gezeigt zu haben, die ich manchmal gar weinend zurückgelassen hatte. Ich hasste mich wirklich, weil ich das Einfachste nicht schaffte und ständig an mir und meiner Halsstarre und Lieblosigkeit scheiterte. Wie hatte Christus gesagt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Ich wusste, dass das stimmte, ich wollte es können, aber wie? Wo sollte ich nach dem richtigen Weg suchen?
Ich gab nicht auf und begann, regelmäßig zu beten. Wenn ich diese Hürde schaffen wollte, dann brauchte ich Kraft von oben. Ich erflehte oft Hilfe in dieser Finsternis, die ich alleine nicht überwinden konnte. Denn ich wollte meine Mutter wiederhaben, die ich doch in Wirklichkeit von ganzem Herzen liebte. Doch diese Liebe war eingehüllt in dumpfe, graue Watte, die es mir nicht wegzureißen gelang. Dicke, undurchlässige Watte, die die Vergangenheit eng um mein Herz geschlungen und es fest verpackt und verschnürt hielt.

Erinnerungen an Mamas Sterbebett

»Deine Haut sieht schön aus, glatt und rein. Deine Nase vibriert leicht im Atem, sie ist zart, noch zarter als sonst. Ich streichle über Deine Stirn, die kalt und ein wenig feucht ist. Und Du lächelst. Wie schön es ist, Dich lächeln zu sehen.
Eine Schwester kommt herein. Der Blutdruck wird gemessen, sie spricht Dich an. Doch Du antwortest nicht. Warum auch? Ob sie Dir eine Spritze gegen die Schmerzen geben soll? Ja klar soll sie, sage ich. Was denn sonst? Mama soll doch nicht leiden.
Du lässt es geschehen.
In dieser Aufwachstation, die einer Intensivabteilung gleicht, geht es hektisch zu. Herzinfarkte, Suizidversuche, Nierenversagen und nächtliche Alkoholexzesse werden hier abgeliefert. Und anderes, was ich gar nicht wissen will.
Denn Du bist hier, und alles um Dich herum hätte ich gerne schön gemacht, hell, freundlich und warm. Nur, hier ist es nicht möglich.
Am liebsten würde ich Dich mitnehmen nach Hause. Ich würde Dich in das sonnigste Zimmer legen, aus welchem man in die Wipfel der hohen, alten Bäume schauen kann. Tannen, Buchen und Eichen sind es. Und Birken, die sich hoch ins Licht strecken. Viele Vögel wohnen hier, Du könntest sie beobachten und ihnen zuhören. Denn sie singen schon fleißig in diesem zeitigen Frühling.
Du kennst sie alle mit Namen. Du liebst ihren Gesang aus tiefem Herzen und Du warst es, die sie uns alle erklärte und beschrieb, einst, als wir noch klein waren. Die tirilierenden, treuen Amselchen, das fröhliche Rotkehlchen, die emsigen Grün- und Blaumeisen, die frechen Spatzen und die zuverlässigen Schwälbchen, die immer dann dicht über der Erde weilen, wenn sich die Sonne verzieht und Wolken aufkommen. ›Wenn die Schwalben nieder fliegen, werden wir bald Regen kriegen.‹ Eine einfache Bauernweisheit, aus Deinem Munde wurde sie zu einem der vielen Lebensgesetze, die mich für immer prägten und begleiteten.
Deine Lippen sind voller als je zuvor. Ein wenig blass, doch wunderschön geformt sind sie. Nein, Du wolltest sie nie schminken, so wie ich es immer tat. Wenn ich Dich zu überreden versuchte, weil man dies doch heute nun einmal so mache als moderne Frau, hast Du gelächelt. Ein kleines, wissendes Lächeln war es. Mehr nicht.
Natürlich hattest Du recht. Was bedeutete es schon, eine moderne Frau zu sein? Wofür ist es denn überhaupt gut, modern zu sein? Wird man dadurch zum besseren Menschen? Wohl kaum. Uns modernen Menschen fehlt so vieles: Zeit, Geduld, Liebe.
In den letzten Jahren hattest Du viel Zeit, liebe Mutter. Und Du hast auf mich gewartet, Dir so oft gewünscht, ich wäre häufiger bei Dir gewesen. Tja, die liebe Zeit. Ich hatte zu wenig davon für Dich. Mein Herz tut weh. Versäumte Zeit … Ob Du etwas zu Abend essen möchtest, will die Schwester wissen. Wohl kaum. Nein, es sieht wirklich nicht so aus. Sie nimmt das Tablett wieder mit.
Meine Mutter. Du bist krank. Schwer krank. Die Ärzte geben Dir nicht mehr lange. Sie sagen, es könne vielleicht noch einige Monate oder auch nur Wochen dauern. Oder Tage?
Der Arzt fragt, wann ich gehen wolle? Überhaupt nicht. Ich bleibe hier. Vielleicht hätten sie eine Decke? Wenig später schieben sie ein Bett für mich herein. Das ist wirklich sehr freundlich. Und ob ich vielleicht Abendbrot möchte?
Wir dürfen heute Nacht zusammenbleiben, Mama. Ich bin an Deiner Seite. So, das Bett steht nun direkt neben Deinem. Ich kann Deine Hand halten. Du lächelst. Ach, Mamalein, mein Mamaleinchen!
Jetzt, in der Dunkelheit, höre ich die Geräte, die Dein Leben verlängern sollen. Es brodelt, tickt und pumpt, der Sauerstoffschlauch gurgelt und immer noch saugen sie Blut aus Deinem Brustraum, welches der hässliche Tumor andauernd ausspuckt. Und er ist nicht zu bremsen.
Du hast immer gesagt: Wenn es einmal so weit kommt, dass es zu Ende geht, dann bleibt mir gestohlen mit all diesen künstlichen Maßnahmen. Keine Schläuche, keine Maschinen. Schiebt mein Bett stattdessen einfach auf eine Wiese und lasst mich in der Natur sterben, dort, wo Gott am nächsten ist.
Nun liegen wir beide hier, Du an den Schläuchen und ich mit schlechtem Gewissen.«

Lesen Sie morgen weiter.

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